19. Juli 1999
Lupo und ich
schauten zum Fenster hinaus, als sich der Jumbo in einer lang
gezogenen Schleife Richtung Westen wandte. Die Luft über Frankfurt
zitterte vor Hitze. Sie zitterte über den Glasfassaden der
Bankentürme, durch die ich noch vor wenigen Tagen gehetzt war. Sie
zitterte über dem rötlichen Gebäude der Börse, vor dem wir gestern
unser Festzelt aufgeschlagen, vor dem wir unsere riesigen blauen
Luftballons angebunden hatten.
Das Licht
blendete mich. In dem gestrigen Trubel war mir meine neue
Sonnenbrille abhanden gekommen. Ein ärgerlicher Verlust, aber was
bedeutete der schon, gegen einen Tag wie diesen. Ich akzeptierte
keine Omen, erst recht keine bösen. Ich schloss meine Augen und
atmete durch.
Drei Wochen Urlaub! Drei
Wochen, in denen ich weder mit meiner Firma telefonieren noch mir
Gedanken ums Geschäft machen würde.
Ich hatte es mir
verdient. Ein beispielloser Parcours lag hinter mir.
Vor wenig mehr
als einem Jahr hatten wir Foris der Öffentlichkeit vorgestellt,
vor weniger als einem halben waren wir in Richtung Börse
durchgestartet. Seit gestern flimmerte ihr Aktienkurs in Frankfurt,
New York und Tokio über die Bildschirme der Börsenjobber. Gegenüber
dem Ausgabepreis hatte er sich mehr als verdoppelt und war in der
Spitze auf über 100 gesprungen. Mein Aktienpaket war – zumindest
auf dem Papier – zwanzig Millionen Euro wert. Und das, obwohl Foris
bis dahin noch keinen nennenswerten Umsatz, noch keinen Pfennig
Gewinn gemacht hatte. Neuer Markt hieß das Zauberwort, das alle in
den Bann schlug. Ob es der Goldrausch war, der noch die letzte
Hausfrau zum Zocker gemacht hatte, oder die Überzeugungskraft
einer Idee – meiner Idee – wer konnte das noch auseinander halten.
Mir fiel einer der klassenkämpferischen Sprüche von den
Wandzeitungen ein, die 1968 die Wände der Unis verziert hatten: „Die Idee wird zur materiellen Gewalt, wenn sie die Massen
ergreift“. Meine Idee war nicht zur materiellen Gewalt
geworden. Aber zu dem Geld, das durch den Börsengang auf die
Bankkonten unserer AG geschwappt war. Nur noch eines fehlte: der
Beweis, dass die Idee richtig, dass mit ihr aus dem Geld der
Anleger noch mehr Geld zu machen war. Ein Beweis, den ich glaubte
liefern zu können. Unser Geschäftsmodell war von uns, von der
Emissionsbank, von den Wirtschaftsprüfern durchgerechnet und für
plausibel befunden worden. Wir hatten Kapital. Unsere Mitarbeiter
waren jung, gutaussehend, hatten glänzende Examina und glänzende
Augen. Der Ruf von Foris in der Anwaltschaft war der eines
unerschrockenen Unternehmens mit einer frappierenden
Rechtsinnovation, die allen nützte. Jetzt lag es nur noch an uns.
Wenn der Erfolg ausblieb, gab es niemanden, an den wir den
schwarzen Peter hätten weiterreichen können. Nicht an die angeblich
knauserigen Banken; sie hatten uns an die Börse gebracht. Nicht an
die bösen Konkurrenten; es gab – noch – keine. Und nicht an die
Behörden, die in Deutschland erst einmal gegen alles sind; Bank-
und Versicherungsaufsicht hatten unser Modell abgesegnet. Auch für
mich galt der Satz, den Dwight D. Eisenhower, in einen Granitstein
graviert, auf seinem Schreibtisch täglich vor Augen hatte: „The
buck ends here“.
Häuser, Straßen
und Landschaftsformationen unter uns wurden kleiner. Das Flugzeug
ackerte sich geduldig auf seine Reiseflughöhe empor. Was ich nicht
ahnte in diesem Moment, in dem ich die Augen schloss und mich
zurücklehnte – und nicht bereit gewesen wäre, es jemandem zu
glauben, der es gesagt hätte – war, dass der Sinkflug der Foris AG
schon begonnen hatte.
Heute weiß ich
es. Am 19.07.1999 war die Foris auf ihrem Scheitelpunkt angelangt.
Wir wähnten uns noch im Aufwind, doch in Wirklichkeit waren wir
schon wieder auf dem Weg zum Boden. Lange Zeit unmerklich, aber dann
mit stetig wachsender Geschwindigkeit. Der Kurs dieses Tages
sollte der höchste gewesen sein, den die Aktie jemals erlebte. Das
Eigenkapital der Foris sollte niemals wieder die Größe erreichen,
die sie an diesem Tag hatte. Auch nicht die Begeisterung, die von
allen Mitarbeitern der Foris Besitz ergriffen hatte, der Rausch
des Zusammengehörens und des Bewusstseins, etwas ganz besonderes
zu tun und einer ganz besonderen Firma anzugehören. Vor allem
aber, wie es einer meiner engsten Mitarbeiter später einmal
formulierte: am 19.07.1999 war der Treibstoffvorrat an
Gemeinsamkeiten verbrannt, der meinen Mitvorstand mit mir
verband und der diesen raketenartigen Aufstieg eines Unternehmens
buchstäblich aus dem Nichts heraus gespeist hatte. Wir wussten es
nur noch nicht.
Fünf Jahre
später sind wir Feinde. Wir prozessieren gegeneinander vor dem
Landgericht Berlin, vor dem Kammergericht und anderswo. Der Neue
Markt ist liquidiert. Finanzstarke Versicherungskonzerne haben meine
Idee aufgegriffen und Konkurrenzunternehmen gegründet, die der
Foris längst den Rang abgelaufen haben. Ihr Aktienkurs dümpelt bei
einem hundertstel seines Höchststandes. Von ihren rund 30
Mitarbeitern, die mit uns in dem Zelt vor der Börse gefeiert
hatten, ist noch ein einziger da. Ihre Bilanzen zeigen ein
ausgelaugtes Unternehmen, einen gespenstischen Schatten dessen,
was sie an dem Tag war, an dem ich meinem Urlaub entgegen flog. Dem
letzten dreiwöchigen Urlaub übrigens, den ich mit meiner Frau und
den drei Kindern gemeinsam verbrachte, denn zwei Jahre später waren
wir getrennt, nach einundzwanzigjähriger Ehe.
Wie konnte das
passieren? Wie konnten wir mit unserem Unternehmen, dem das Glück
hold und die Umstände mehr als gewogen schienen, so schnell auf die
schiefe Bahn geraten? Was ist falsch gelaufen, und vor allem: was
habe ich falsch gemacht, und wie hätte ich verhindern
können, dass es dazu kam?
Die Geschichte
von Foris ist auch eine Geschichte des Gründungsfiebers und
Börsenwahns der neunziger Jahre, aber nicht nur. Unternehmen der
„New Economy“ entwarfen Chips, managten Mobilfunknetze,
experimentierten mit dem pflanzlichen oder tierischen Genom,
produzierten Filme und Shows. Das Geschäft der Foris dagegen
brauchte nichts, was es nicht schon zu Zeiten von Moses gab, nämlich
Geld und Gesetze. Foris finanzierte Prozesse. Gerichtsprozesse. So
ist dies auch eine Geschichte von Gerichten, Prozessen und
Anwälten, vom Recht und seinem Preis. Und es ist eine Geschichte
von mir. ...
Panama
Das
Oberlandesgericht hebt die klagabweisende Entscheidung des
Landgerichts auf und spricht uns den eingeklagten Teilbetrag von
5 Millionen DM und Zinsen zu.
Westenfeld und
sein Anwalt, vorher beinhart und zugeknöpft, werden plötzlich
gesprächig. Sie könnten zwar gegen das Urteil Revision beim
Bundesgerichtshof einlegen. Doch das ist für sie zweischneidig. Denn
wir haben ja nur einen Teil eingeklagt. Bestätigt der
Bundesgerichtshof das Urteil, so folgt unsere zweite Klage auf dem
Fuß. Mit dieser würden wir auch die Forderungen geltend machen, die
die bisher eingeklagten 5 Millionen übersteigen. Je nach dem, wie
hoch wir rangehen, könnte es Westenfeld passieren, dass er dann ein
Mehrfaches der zugesprochenen 5 Millionen zahlen muss – 10, 20 oder
gar 100 Millionen DM. Die Schweizer Bank will sich vergleichen.
Sie hat wohl von Anfang an Westenfelds Pläne gekannt und jetzt wird
ihr der Boden zu heiß. Sie will die Affäre vom Hals haben.
Wir haben uns
bereits auf eine Zahlung von 20 Millionen DM geeinigt, um alle
Ansprüche – auch die noch nicht eingeklagten – endgültig aus der
Welt zu schaffen, als der Ärger losgeht. Kletschil will sich mit
seinem Anteil an den 20 Millionen nicht begnügen. Er erhebt über
seinen Anwalt aus seiner Gefängniszelle heraus Forderungen, die
jeden Vergleich verhindern würden. Die Forderungen hat er an eine
panamesische Briefkastenfirma abgetreten. Diese gehört
offensichtlich ihm selbst. Beweisen können wir es ihm nicht.
Direktor der panamesischen Gesellschaft ist ein in Paris lebender
Franzose mit dem beziehungsreichen Namen d’Argent.
Westenfelds
Anwalt ist eine grauhaarige, großgewachsene Eminenz aus einer der
angesehensten deutschen Kanzleien. Ein harter, aber höflicher und
verlässlicher Verhandlungspartner, ein Mann von scharfer Zunge
und Humor. Als ich ihn kennen lerne, bin ich noch ledig und erwähne
es beiläufig. „Aha“, sagt er, „Sie speisen à la carte“.
Ich fliege
tagelang zwischen Hamburg, München und Frankfurt hin und her, um
zwischen den Parteien zu vermitteln. Schließlich haben wir es –
fast – geschafft: ein von allen unterzeichnetes Vertragswerk, 50
Seiten stark, das nächtelang verhandelt und immer wieder
verändert worden ist. Inzwischen gibt es die ersten Textautomaten,
aber sie schleichen im Schneckentempo von 7 Zeichen pro Sekunde
über das Papier. Friedrichs Sekretärin schreibt schneller, aber sie
arbeitet nicht nachts um zwei. Einen neu verhandelten Entwurf von 10
Seiten Länge auszudrucken, dauert eine Stunde. Ihn mit dem
Fernschreiber zu übermitteln, noch länger. Faxe sind Zukunftsmusik.
Der
unterzeichnete Vertrag sieht unter anderem vor, dass die
Vergleichssumme von 20 Millionen DM spätestens am Freitag, dem 10.
September 1982, 24 Uhr zu begleichen ist. Wenn nicht, ist der
Vergleich geplatzt. Kletschil und sein Hintermann Schrader haben
sich so kurze Fristen ausbedungen. Sie fürchten, die Gelder könnten
gesperrt, gepfändet oder durch Einstweilige Verfügungen blockiert
werden. Aus diesem Grund muss die Vergleichssumme auch bar gezahlt
werden. Keine Bankbürgschaften, keine Überweisungen, keine Schecks!
20 Millionen in Scheinen.
Die Schweizer
Bank wiederum hat auf einer anderen Klausel bestanden. Jeder der
jemals an dem Verfahren Beteiligten, einschließlich Weiß & Co. und
aller ihrer Tochtergesellschaften, Herr Friedrich und ich
persönlich, Schrader und Kletschil und seine panamesische
Briefkastenfirma sowie deren Direktor, müssen für alle Zeit und auf
alle Ansprüche verzichten, die in Zusammenhang mit den Vorgängen
stehen, und sei der auch noch so an den Haaren herbeigezogen. Alle
Verzichte müssen im Original vorliegen. Alle
Vertretungsbefugnisse müssen durch beglaubigte
Handelsregisterauszüge nachgewiesen werden. Auch die von d’Argent
für die Firma aus Panama. Wir sollen durch notarielle und
öffentliche Urkunden belegen, dass sie ins Handelsregister
eingetragen und dass er alleinvertretungsberechtigt ist. Auch
diese Urkunden müssen am Freitag, dem 10. September im Original
vorhanden sein. Ohne Dokumente keine Zahlung, ohne Zahlung kein
Vergleich.
Als wir die
Einigung erreicht haben und alle Unterschriften darunter stehen,
ist es Sonntagabend. Noch am Wochenende haben wir auf Kletschils
Frau einreden müssen. Sie hat ihn in der U-Haft besucht und ihn
beschworen, den Vergleich nicht scheitern zu lassen. Aber noch kann
er scheitern. Dann nämlich, wenn am Freitag nicht alle Unterlagen
beieinander sind. Danach wird es keinen Vergleich mehr geben.
Kletschil bereut es zugestimmt zu haben, kaum dass die Tinte aus
seinem Füller trocken ist. Wahrscheinlich beschimpft er uns in
seiner Zelle als zwölffach geschlitzte Hundsfotts. Jedenfalls lässt
er uns mitteilen, eine weitere Unterschrift würden wir nicht mehr
von ihm bekommen. Für nichts und unter keinen Umständen.
Als
Schwierigstes stellt sich heraus, den Vertretungsnachweis für
d’Argent zu beschaffen. Nach dem Wortlaut des Vergleiches muss das
Panamesische Handelsregister einen Registerauszug anfertigen. Der
ist von einem panamesischen Notar zu beglaubigen, und dessen
Beglaubigung bedarf der Apostille des Landgerichts von Panama City,
für die dessen Präsident zuständig ist. Die Unterschrift des
Landgerichtspräsidenten muss vom Panamesischen Justizministerium
überbeglaubigt werden, die durch das Panamesische Außenministerium,
und dessen Unterschrift durch die Deutsche Botschaft in Panama.
Erst gegen 16
Uhr deutscher Zeit am Montag erreiche ich einen Anwalt in Panama und
schildere ihm mein Problem. Er erklärt mir zunächst, ein solches
Verfahren würde Wochen dauern. Als er die Summe hört, die auf dem
Spiel steht, wird er plötzlich zuversichtlicher. Er meint, es sei
sicherer, wenn ich einen Kurier schicken würde, der die Unterlagen
abholt. Ich sage ihm, ich würde selber kommen.
Am Mittwochabend
fliege ich los. Einem diffusen Instinkt folgend, lasse ich mir vor
der Reise 15.000 US$ in bar auszahlen und stecke sie ein. Der
KLM-Flug nach Panama City geht über Amsterdam, mit
Zwischenlandungen in Trinidad und Tobago. Alle anderen
Verbindungen sind ausgebucht. Das Zeitfenster ist furchterregend
eng. Freitag Mitternacht ist keine 60 Stunden mehr entfernt.
Planmäßige Ankunft in Panama ist um 7 Uhr morgens. Der Rückflug geht
um 12:30. Es ist die letzte Linienmaschine überhaupt, die Panama
City an diesem Tag in Richtung Europa, Nord- oder Südamerika
verlässt. Als ich aus dem Flughafengebäude trete, beginnt es zu
gießen, als hätten in den Himmeln ferne Panamakanäle ihre Schleusen
geöffnet. Sekunden nur, und in den Straßen sprudelt knietief eine
rotbraune Masse zu Tal. An eine Taxifahrt ist nicht zu denken. Es
ist 11 Uhr, als sich der Regen verläuft. Die Stadt dampft. Gegen 12
Uhr betrete ich die Anwaltskanzlei.
Als erstes
telefoniere ich mit KLM. Ich erfahre, dass der Rückflug sich um ca.
2 Stunden verspätet. Entwarnung? Sie währt nur so lange, bis ich
ins Anwaltszimmer gebeten werde. Der Anwalt begrüßt mich
überschwänglich. Er drückt mir gleich ein Buch in die Hand, das er
selbst verfasst hat – eine Beschreibung seiner Europareise vor
dreißig Jahren. Seither ist er nicht mehr dort gewesen. Er freut
sich ehrlich. Er hat ein Hotelzimmer für mich gebucht. Heute, am
Donnerstag, hat seine Tochter sich einen Tag freigenommen, um mir
den Panamakanal zu zeigen. Für Sonntag laden er und seine Frau
mich zum Essen ein. Am Montag könne ich dann sicher das ersehnte
Dokument mit nach Hause nehmen.
Die Straßen sind
wieder trocken, die Pfützen draußen verdunstet. Panama City glüht in
der Sonne, aber ich spüre, wie mir die Kälte unter die Stirn
kriecht. Der Anwalt hat noch nicht einmal angefangen, den
Vertretungsnachweis zu beschaffen. 20 Millionen, eine ganze Bank
werden den Bach runtergehen, weil ich nicht in der Lage war, ein
läppisches Dokument mit Stempeln und Unterschriften darunter
rechtzeitig zu besorgen?! Was jetzt? Erneut versuche ich, ihm meine
Lage verständlich zu machen. Es ist nicht einfach, denn ich kann
kaum Spanisch und sein Englisch ist eingerostet. Irgendwann
scheint er zu begreifen, dass ich das Papier nicht Montag brauche,
oder „maňana“. Sondern morgen. In Hamburg. Und dass ich dort noch
hinkommen muss. Und dass ich mir weder von seiner Tochter den
Panamakanal zeigen lassen kann noch seiner Einladung zum
Abendessen auf seine sicher wunderschöne Hacienda folgen.
Resignierend
über soviel deutsche Beflissen- und Terminsversessenheit sagt er
schließlich, dann solle ich mich um meinen Flug kümmern, er würde
das Dokument und die vielen Unterschriften schon besorgen. Auf
meine Frage, wie er das in der Zeit hinkriegen wollte, gibt er
„Trust me, trust me“ zur Antwort. Da er immerhin kein Geld im
Voraus haben will, tue ich es. Etwas anderes bleibt mir ohnehin
nicht übrig. Unmöglich kann ich auf eigene Faust die Unterschriften
und Beglaubigungen in wenigen Stunden besorgen.
Den Rückflug zu
organisieren erscheint schwierig genug. Inzwischen ist Siesta.
Läden und Reisebüros sind geschlossen. Ich gehe in das Hotel, das
der Anwalt mir reserviert hat, und telefoniere. In Deutschland ist
Feierabend. Die Lufthansa in New York, die ich anrufe, bestätigt
mir, dass es keinen regulären Flieger mehr aus Panama an diesem Tag
gibt. Lufthansa fliegt um neun Uhr abends von Atlanta nach
Frankfurt. Um die gleiche Zeit geht eine Alitalia-Maschine von
Caracas nach Mailand. Damit hätte ich vielleicht die Chance, noch
am Freitagabend in Hamburg zu sein.
Aber wie nach
Caracas oder Atlanta kommen? Atlanta ist 3000, Caracas 1500 km
entfernt. Ein Anruf bei Westenfelds Anwalt macht jede Hoffnung auf
einen Aufschub zur Illusion. Er sagt mir sogar, die Frist würde
schon Freitagnachmittag, 16:00 Uhr enden. Wegen der automatischen
Tresore und Alarmsysteme gebe es keinerlei Möglichkeit für ihn, das
Geld noch später in der Zentralkasse der Dresdner Bank in Hamburg
abzuholen. Auf meine Frage, ob er das Geld nicht vorsorglich abholen
könne, auch wenn ich noch nicht zurück sei, antwortet er, das werde
er nicht tun. Er werde doch bei einem Scheitern des Vergleichs
nicht ein Wochenende lang mit 20 Millionen DM in bar in der Tasche
herumlaufen. Er empfiehlt mir, ein Flugzeug zu chartern. Ich rufe
Friedrich an, der mich nur anranzt: „Es ist mir egal, wie Sie das
Scheißding beschaffen, aber beschaffen Sie es“.
Die Augen der
sehr jungen Frau hinter dem Tresen des kleinen Reisebüros sind
tiefbraun, ihr pechschwarzes gelocktes Haar fällt auf die
dunkelhäutigen Schultern. Sie lächelt mich an, was ihre Schönheit
und meine Befangenheit noch vergrößert… Wohl etwas wirr schildere
ich ihr meine Lage, nachdem ich meine Sprache wieder gefunden habe.
Ich frage sie, ob sie ein Flugcharterunternehmen kennt. Sie meint
in tadellosem Englisch, wenn überhaupt, gebe es in Panama kleine
Propellerflugzeuge, mit denen ich nie und nimmer nach Caracas
oder gar Atlanta kommen würde. Ich bitte sie, sich dennoch zu
erkundigen. Sie telefoniert herum, ohne Ergebnis.
Die Anspannung,
unter der ich stehe, überträgt sich auf das ganze Reisebüro. Nicht
lange, und alle reden durcheinander, ohne dass ich ein Wort
verstehe. Plötzlich fällt einer Mitarbeiterin etwas ein: der
Verlobte ihrer Schwester arbeitet als Pilot. Sie versucht dort
anzurufen, aber niemand meldet sich. Sie kichert, wahrscheinlich
liegen die beiden im Bett. Ich greife nach dem Strohhalm und schlage
vor, dass wir hinfahren. Der Manager gestattet es
erstaunlicherweise. Zu dritt setzen wir uns in ein verbeultes Taxi,
einen uralten amerikanischen Schlitten, dessen Klimaanlage kaputt
ist, und fahren, so scheint es mir jedenfalls, ans andere Ende der
Stadt. In meinem Kopf hämmert es, als wolle er platzen. 20
Millionen DM, die Zukunft eines Unternehmens hängen von der
lächerlichen Frage ab, ob wir den Freund der Schwester einer
namenlosen Reisebüroangestellten in Panama an einem
Donnerstagnachmittag im Bett antreffen. Und auch das nur vielleicht,
denn woher weiß ich, was für ein Bruchpilot das ist, und mit was
für einer fliegenden Kiste. Den jungen Mädchen neben mir fällt meine
düstere Stimmung nicht auf. Der Ausflug ist eine willkommene
Abwechslung, sie sind lustig und ausgelassen und fragen mich aus: ob
ich verheiratet bin, ob ich Geschwister habe, ob ich gerne tanze.
Je nachdem, ob das Taxi eine Rechts- oder Linkskurve macht, spüre
ich den jungen Körper des einen oder des anderen Mädchens und die
kühle Haut unter ihren dünnen Sommerkleidern. Ich ertappe mich bei
Gedankenspielen über ein Scheitern meiner Mission. In meiner
Brusttasche knistern die Tausend-Dollar-Scheine. Alles hinter mir
lassen…, heute Abend mit den Mädchen ausgehen… mich als Kneipier in
Panama durchschlagen… oder Pilot werden, gefährliche Missionen mit
dem Wasserflugzeug, die Nachmittage mit einer glutäugigen
Schönheit im Bett verbringen und auf den Auftrag eines
bleichgesichtigen, beflissenen Gringos warten, der ein lächerliches
Stück Papier rechtzeitig nach Deutschland bringen muss…
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